Ausschreibungstext für das Teilprojekt "Der Protestantismus und die Debatten um den deutschen Sozialstaat" (Prof. Dr. Christiane Kuller)

Die Bedeutung von Religion in den Debatten um den deutschen Sozialstaat ist ein viel diskutiertes Thema der Zeitgeschichte. Religion als Quelle von leitenden Vorstellungen über das Gute und Richtige nimmt eine zentrale Stellung in den theoretischen Erklärungsmodellen ein, die jedoch bisher im Hinblick auf den Protestantismus in der Bundesrepublik kaum empirisch untersucht worden ist.

Institutionen des Sozialstaats können als Manifestation von sozialen Ordnungsvorstellungen verstanden werden, und die Debatten über Sozialstaatsreformen lassen sich als Aushandlungsprozesse über normative Leitvorstellungen angesichts des Wandels sozialer Verhältnisse und kultureller Praktiken deuten. Die Forschungsperspektive lotet das Gewicht des sozialen Protestantismus in diesen Debatten aus, sie untersucht die Kommunikationskanäle, über die protestantische Stimmen darauf Einfluss nahmen, und sie fragt zugleich nach Rückwirkungen der Debatten auf protestantische Positionen. Auf diese Weise soll die Analyse von gedachten Ordnungen mit der Frage nach ihrer Bedeutung in gesellschaftlichen Debatten und politischen Entscheidungsprozessen verbunden werden.

In der ersten Förderphase lag der Schwerpunkt der Untersuchung auf den 1950er und 1960er Jahren, in denen sich der soziale Protestantismus vom Sozialstaatskritiker zu dessen Mitgestalter entwickelte. Im Mittelpunkt stand dabei die grundlegende Frage, auf welche Weise die Grenze zwischen Privatheit, religiösem Handlungsfeld und staatlichem Verantwortungsbereich gezogen wurde, wie diese Grenze im Laufe der ersten 20 Jahre der BRD-Geschichte wiederholt neu justiert wurde, und welche Rolle protestantische Stimmen dabei spielten.

Die Projekte der zweiten Förderphase knüpfen unmittelbar an die erste Förderphase an. Sie greifen deren leitende Hypothese - den Wandel des sozialen Protestantismus vom distanzierten Sozialstaatskritiker zum aktiven Mitgestalter - auf und diskutieren sie in neuem zeitlichem und thematischem Kontext.

Das erste Unterprojekt (Promotionsprojekt) fragt nach der Rolle und Bedeutung der protestantischen Sozialethik im Hinblick auf die Diskussionen über die alternde Gesellschaft. Szenarien einer krisenhaften Bevölkerungsentwicklung gab es bereits seit dem 19. Jahrhundert. Allerdings beobachteten Zeitgenossen seit Mitte der 1960er Jahre erneut einen massiven Geburteneinbruch, der rückblickend als „zweiter demografischer Übergang“ bezeichnet wurde. Er bildet eine wichtige Binnenzäsur der Debatte. Der Sozialstaat war in vieler Hinsicht auf stabile demografische Verhältnisse angewiesen, der „Pillenknick“ der 1960er Jahre bedeutete daher schon funktional eine krisenhafte Herausforderung. Die damalige Debatte über die bundesdeutsche Bevölkerungsentwicklung reicht jedoch weit darüber hinaus. Im Kontext der demografischen Fragen wurden auch veränderte Vorstellungen von Geschlechterordnung, nationaler Identität und gesellschaftlicher Solidarität thematisiert.

Das zweite Unterprojekt (Promotionsprojekt) greift eine weitere zeitgenössische Kerndebatte sozialen Wandels auf: Die Veränderungen der Arbeitsgesellschaft und die seit den 1970er Jahren erstmals wieder auftretende Massenarbeitslosigkeit. Auch hier haben die sozialstaatlichen Debatten einen funktionalistischen Kern. Erwerbsarbeit bildete (und bildet bis heute) eine Zentralkategorie der sozialen Sicherungssysteme. Arbeit war aber darüber hinaus auch einer der wichtigsten sozialen Strukturierungsfaktoren der bundesdeutschen Gesellschaft. So verweisen die Debatten auch auf die Bedeutung von Arbeit für die individuelle Lebensführung und für gesellschaftliche Beziehungen, für Anerkennung und Würde. Und auch in dieser Debatte wurden Veränderungen der Geschlechterordnung, der nationalen Identität und der sozialen Gerechtigkeit thematisiert.

Anforderungen an eine Bearbeiterin / einen Bearbeiter:

  • Sehr guter Studienabschluss im Bereich Zeitgeschichte,
  • Sehr gute Kenntnisse im Bereich der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, Kenntnisse im Bereich der Evangelischen Theologie und der kirchlichen Zeitgeschichtsforschung bzw. die Bereitschaft, sich in die entsprechenden Methoden einzuarbeiten,
  • Teamfähigkeit und die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an gemeinsamen Vorhaben der DFG-Forschergruppe, insb. aktive Teilnahme an den Treffen der Gesamtgruppe, der Ortsgruppe und der Projektgruppe.

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