Ausschreibungstext für das Teilprojekt "Protestantische Kommunikationsformen" (Prof. Dr. Christian Albrecht)

Protestantische Beteiligungen an den ethischen Debatten der alten Bundesrepublik lassen durchweg ein doppeltes Kommunikationsinteresse erkennen. Zum einen ging es stets darum, in konstruktiver Weise angemessene Realisierungsformen des Christlichen in der modernen Gesellschaft zu beschreiben. Insofern zielte die protestantische Beteiligung an den ethischen Debatten auf die Analyse und auf die Gestaltung der Gesellschaft. Zum anderen und zugleich galt das Interesse einer kritischen Selbstaufklärung des zeitgenössischen Protestantismus über seine eigene Funktion in der modernen Gesellschaft. Das ist die Leitbeobachtung, die die erste wie auch die jetzt beantragte zweite Phase bestimmt.

In der ersten Förderphase, deren Unterprojekte insbesondere die 1950er und 1960er Jahre betrafen, nahmen wir in den Blick vor allem Kommunikation in personalen Netzwerken, Kommunikation im öffentlich-rechtlichen Mediensystem und Kommunikation in nonverbaler, ästhetischer Form. Die inzwischen in deutlichen Umrissen vorliegenden Ergebnisse dieser ersten Unterprojekte lassen einige Tendenzen erkennen, die gemeinsame Anschlussfragestellungen aufwerfen. Diese kreisen um das Verhältnis von Professionalisierung und Popularisierung in den Kommunikationsformen des Protestantismus. So zeigt sich im weiteren zeitlichen Verlauf und mit zunehmender Vertiefung des Aufbaus personaler Netzwerke, der Virtuosität im Umgang mit den neuen Medien und der Kommunikation in ästhetischer Gestaltung, dass vielfältige Modi der protestantischen Kommunikationsformen sich ausdifferenzieren: Wahrnehmbar sind, nebeneinander, Tendenzen zur Professionalisierung, zur Differenzierung und zur Popularisierung der kommunikativen Beteiligung des Protestantismus an den ethischen Debatten der alten Bundesrepublik. Diese Tendenzen bestehen gleichzeitig und parallel – und sie intensivieren sich im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre. Und die Intensivierung dieser Modi spezifiziert zugleich das Ineinander von gesellschaftlichem Gestaltungsinteresse und theologischer Selbstkritik. Der Frage nach diesen Modi soll in drei Unterprojekten nachgegangen werden.

Ein erstes Unterprojekt fragt nach Kommunikation durch Professionalisierung und untersucht die Praxis evangelischer Beratungsstellen zwischen biologischem und sozialem Lebensschutz in der Schwangerenkonfliktberatung sowie in der Ehe- und Erziehungsberatung. Dieses Projekt, das zugleich den Aufbau institutioneller Beratungsstellen in den Blick nimmt, setzt die Erforschung des Aufbaus kommunikativer Foren durch akteursorientierte Netzwerkbildung aus der ersten Förderphase fort.

Ein zweites Unterprojekt untersucht Kommunikation durch Differenzierung und nimmt hier zum einen die Kommunikation durch Verwissenschaftlichung in den Blick anhand der Beteiligung der FESt an der Debatte um die Nutzung der Kernenergie. Zum anderen wird analysiert die eng damit zusammenhängende Kommunikation durch Spezialisierung anhand der Beteiligung der Kirchen an den Debatten um die Privatisierung der Medien durch Breitbandkommunikation und die Einführung des Kabelfernsehens in den 1960er bis 1980er Jahren. Es sollen in diesem Unterprojekt zwei größere Aufsätze entstehen. Dieses Unterprojekt knüpft sowohl an die Einsichten zur Differenzierung der Kommunikationsformen aus dem Unterprojekt zur Kommunikation im öffentlich-rechtlichen Mediensystem als auch an Resultate aus dem Unterprojekt zur Untersuchung personaler Netzwerke der ersten Förderphase an.

Ein drittes Unterprojekt widmet sich der Kommunikation durch Popularisierung und fragt nach kulturellen Repräsentationen protestantischer Friedensethik im neuen Kirchenlied. Hier geht es um die vor allem in den 1970er Jahren entstandenen populären geistlichen Lieder, die sich extrem rasch verbreiteten – insbesondere, aber nicht nur auf den Kirchentagen. Sie nahmen in unterschiedlichen protestantischen Kontexten Einfluss auf das protestantische Selbstverständnis und bieten eine Projektionsfläche für selbstreflektierende, kritische Impulse zur Möglichkeit von protestantischer Gesellschaftsgestaltung. Viele Liedtexte zielen nicht zuletzt auf eine Änderung der inneren Einstellung hinsichtlich der Verantwortung des Einzelnen für Welt und Gesellschaft und haben so Auswirkungen für das Selbstverständnis des Protestantismus in der Perspektive seiner Gesellschaftsgestaltung. Dieses Projekt nimmt die kulturgeschichtliche Perspektive des Unterprojektes zur Kommunikation durch Architektur aus der ersten Förderphase auf und setzt sie fort.

Vergütet werden 65% von TVL-E 13. Die Laufzeit ist vom 1. Oktober 2016 bis zum 30. September 2019. Unterstützt wird die Abfassung einer Dissertation.

Folgende Anforderungen bestehen an eine Bearbeiterin bzw. einen Bearbeiter:

  • Überdurchschnittlicher Studienabschluss in Evangelischer Theologie
  • Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten und entsprechende Fähigkeiten
  • Teamfähigkeit und die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an der Zusammenarbeit der Gesamtgruppe, der Ortsgruppe und der Projektgruppe
  • Kenntnisse im Bereich der Zeitgeschichtsforschung bzw. die Bereitschaft, sich selbständig in die entsprechenden Methoden einzuarbeiten

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