Protestantismus im geteilten Deutschland. Forschungsperspektiven

Tagung der Forschergruppe am 6. und 7. Juli 2015 an der Georg-August-Universität Göttingen.

Die Erforschung des Protestantismus in der alten Bundesrepublik ist unvollständig ohne einen Seitenblick auf die DDR. Um diesem Umstand gerecht zu werden, hat die Forschergruppe in Göttingen eine öffentliche Tagung zum Thema „Protestantismus im geteilten Deutschland“ veranstaltet, auf der die Einflüsse, Rückwirkungen und Abgrenzungen zwischen dem Protestantismus in West und Ost in den Blick genommen wurden. Vorträge, Referate, ein Zeitzeugengespräch sowie ein Zeitzeugenvortrag haben dabei geholfen, die Sicht auf den westdeutschen Protestantismus um die wichtigen Facetten der Verbundenheit mit und mit der Abgrenzung zum ostdeutschen Protestantismus zu bereichern.

Historische Fachvorträge gaben Einblicke in ein breit gefächertes Spektrum an Themen. Sie befassten sich mit den Motiven kirchlicher Übersiedler in die DDR (Claudia Lepp, München), dem Begriff der Volkskirche in Ost und West (Benedikt Brunner, Münster), der Regionalisierung der Evangelischen Kirche der Union (Henning Theißen, Greifswald) sowie der politischen Ethik des Protestantismus in der DDR (Veronika Albrecht-Birkner, Siegen). In Referaten und Koreferaten rückten sodann die Themenschwerpunkte der Forschergruppe in den Fokus, die je um eine ostdeutsche Perspektive ergänzt wurden. Mitarbeitende der Forschergruppe kommentierten aus der Sicht ihre Arbeit Referate zu den Themen Flucht und Vertreibung (Markus Wustmann – Felix Teuchert), Kriegsdienstverweigerung (Thomas Widera – Hendrik Meyer-Magister), Kirchenbau (Sylvie Le Grand-Ticchi – Philipp Stoltz) sowie Ehe und Familie (Martin Fischer – Sarah Jäger).

Für den Abendvortrag „Es hat sich politisch ausgewirkt. Die evangelische Kirche ist im geteilten Deutschland bei ihrer Sache geblieben: Sie hat sich eingemischt“ konnte die Forschergruppe den SPD-Politiker und ehemaligen Justiz- und Innenminister Jürgen Schmude gewinnen. Die frühere SED-Forderung, die Kirche müsse sich aus politischen Fragen heraushalten und „bei ihrer Sache bleiben“, konterte Schmude mit dem Hinweis darauf, dass die Kirche nur „bei ihrer Sache bleiben“ könne, indem sie sich gesellschaftlich „einmische“. Schmude hob darüber hinaus die hohe Bedeutung der kirchlichen Partnerschaften zwischen Ost und West für den Verlauf der Wiedervereinigung hervor.

Im Zeitzeugengespräch mit Horst Hirschler, dem ehemaligen Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, und Wolf Krötke, dem ehemaligen Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, erörterten sie ihre unterschiedlichen Erfahrungen in einem lebhaften und gehaltvollen Gespräch. Krötke, der im Gefängnis unter den Repressionen des Regimes zu leiden hatte, betonte, dass er die EKD nie als getrennte Kirche erfahren habe. Er hob die politische Dimension der Kirche in Ostdeutschland als einer Institution hervor, in der das demokratische Bewusstsein wach gehalten worden sei. Hirschler sah in den Kirchen der DDR den „Ernstfall“ von Kirche. Sie seien „besonders glaubwürdig“ gewesen, da sie von dem „nationalen Grundbewusstsein getragen“ wurden, dass Christen zusammengehörten. Krötke wie Hirschler betonten das enge kirchliche Verbundenheitsgefühl über die deutsch-deutsche Grenze hinweg.

Die Tagung hat gezeigt, dass der Blick auf den ostdeutschen Protestantismus für die Erforschung des Protestantismus in der Bundesrepublik notwendig mitbedacht werden muss. Das enge Verbundenheitsgefühl beider Seiten, der respektvolle Umgang miteinander und die Dimension der Prägung durch die jeweilige Gesellschaft, haben den Facettenreichtum der „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ (Christoph Kleßmann) des Protestantismus in Ost und West deutlich gemacht und so wichtige Anregungen für die kommende Arbeit der Forschergruppe gegeben.

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