Traditionspolitik

Die Forschergruppe bei der internen Posterpräsentation

Die Forschergruppe hat sich im Januar mit der politischen Ethik des Protestantismus befasst und hierbei die Schlagworte „Zwei-Reiche-Lehre“ und „Königsherrschaft Christi“ näher in den Blick genommen.

Bei der exemplarischen Beschäftigung mit den Entwürfen je eines prominenten Vertreters, Paul Althaus auf der einen und Ernst Wolf auf der anderen Seite, traten verschiedene Beobachtungen zu Tage, die für die gesamte Gruppe relevant sind. Es zeigte sich, dass es nicht möglich ist, beide Ansätze schlicht gegenüber zu stellen. Stattdessen gibt es offenkundig verbindende Anliegen mit unterschiedlichen Bearbeitungsstrategien. Bei Paul Althaus war der Eindruck bestimmend, dass in der lutherischen Traditionsbildung eine Position der Äquidistanz zu unterschiedlichen politischen Formen besteht. Dieser Nachteil hat jedoch den Vorzug, dass dieses Staatsverständnis pragmatisch ist. Die demgegenüber pragmatische Staatsbegründung in der barthianisch geprägten Richtung läuft letztlich auf ein stets angespanntes Verhalten gegenüber dem Staat hinaus. So finden sich hier, bei Ernst Wolf, neben der Aneignung grundgesetzlicher Bestimmungen Passagen, die in irritierender Eindeutigkeit eine politische Antwort normativ als die christliche Antwort verstehen, wie etwa in der Frage der atomaren Rüstung. In beiden Ansätzen zeigt sich jedoch ein vergleichbares Grundproblem in der Gestalt einer mangelnden Reflektion des Verhältnisses von Begründung und Anwendung. Das Verständnis von Ethik als Anwendung der Dogmatik blendet notorisch das historisch Gewordene ab, wobei die Intuition selbst Offenbarungscharakter anzunehmen droht.

Die Zuspitzung auf die je eigene Fragestellung der Einzelprojekte und die Ergebnissichtung der Textarbeit erfolgten anhand der Einschätzung der DDR durch Karl Barth einerseits und Otto Dibelius andererseits. In der gegenteiligen Auffassung dieser beiden wichtigen Protagonisten der Nachkriegszeit zeichnet sich ab, dass auch ein konservativer Lutheraner wie Otto Dibelius eine dezidiert staatskritische Staatshaltung einnehmen konnte, wohingegen Karl Barth nunmehr den staatstragenden Aspekt reformatorischer Lehre betonte. Diese ‚Frontenverkehrung‘ hing auch mit der Bewertung des NS-Staates zusammen, den man auf Seiten der Lutheraner mit dem Unrecht der DDR identifizieren konnte, um so den Erhalt und die Gestalt der Bundesrepublik zu legitimieren, wohingegen Barth entschieden für eine andere Gewichtung von NS-Zeit und DDR-Regime plädierte.

Die Textarbeit wurde vertieft und kontextualisiert durch den Vortrag von Arnulf von Scheliha („Die ‚Zwei-Reiche-Lehre‘ im deutschen Protestantismus des 20. Jahrhunderts – Ein Überblick“). Hierin gab von Scheliha einen Einblick in den radikalen Wandel der protestantischen Staatsethik im Verlauf des 20. Jahrhunderts anhand markanter Stationen, von mit der national-völkischen Staatslehre Emanuel Hirschs bis zur kirchlichen Aneignung des Grundgesetzes in der ‚Demokratie-Denkschrift‘ (1985). Im Anschluss hieran stand die Frage im Vordergrund, welche Linien im protestantischen Staatsverständnis des 20. Jahrhundert kontinuierlich verlaufen sind und welche einen tiefgreifenden Wandel vollzogen haben. In der Diskussion kristallisierten sich schließlich vier historische Kontexte heraus, die das sich wandelnde Politikverständnis des Protestantismus entscheidend bestimmten: erstens das Verhältnis zum Nationalsozialismus, zweitens die Klärung des Verhältnisses zur bundesdeutschen Demokratie und drittens das Verhältnis zur DDR im Rahmen der Ost-West-Differenz, viertens die Kirchenpolitik als innerer Konflikt zwischen Brüderräten und Landeskirchen sowie als äußerer Konflikt um die Legitimität politischer Präsenz. Letztlich beendete wohl die Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes selbst die Debatten der theologischen Lager, da es hierdurch schließlich an einem akuten Interpretationsbedarf fehlte.