Europäische Ökumene - Internationale Ökumene

Das dritte Treffen der Forschergruppe auf Gut Schönwag vom 23. bis 25. Oktober 2013 stand unter dem Thema „Europäische Ökumene – Internationale Ökumene“ und diente ebenso auch zum Vorstellen des Arbeitsstandes der einzelnen Projekte. Die jeweiligen Promovierenden präsentierten erste Arbeitsergebnisse auf Postern und kamen so ins Gespräch, konnten sich vernetzen und miteinander in Austausch treten. Inhaltlich war das Treffen bestimmt durch die Vorträge der beiden Referenten, Herrn Dr. Geiko Müller-Fahrenholz und Herrn Prof. Dr. Benjamin Ziemann. Durch diese beiden sehr unterschiedlichen Perspektiven konnten sowohl die Dimension der Internationalen Ökumene, vor allem im Ökumenischen Rat der Kirchen, als auch die Dimension der innerdeutschen Ökumene zwischen Evangelischer und Katholischer Kirche beleuchtet werden.

Rege wurde in der Forschergruppe dann außerdem die Frage diskutiert, wie die ökumenische Dimension des Protestantismus auch für die Arbeit der jeweiligen Einzelprojekte wahrgenommen und fruchtbar gemacht werden kann.

Geiko Müller-Fahrenholz wählte für seinen Vortrag als „Zeitzeuge“ einen dezidiert autobiographischen Zugang. Mit einem Stipendienprogramm des ÖRK konnte er in Yale studieren. Schon während seiner Recherchen für seine Dissertation im Archiv des ÖRK in Genf und auch in seiner Zeit als Exekutivsekretär in der Abteilung für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK (1974-1979) beeindruckte ihn besonders die Pluralität der ökumenischen Vertreter der weltweiten Christenheit in Genf. Die Unterschiede in der Frömmigkeit, in den ethischen und politischen Ansichten der Menschen aus den verschiedenen Kirchen der Welt waren für ihn sehr bereichernd. Müller-Fahrenholz war neun Jahre Studiendirektor an der Akademie in Loccum und verbrachte dann viele Jahre an zwei Universitäten in Costa Rica. Zu seinen frühen sozialethischen Perspektiven sind in dieser Zeit die ökologischen gekommen, die in seinem neuen Buch „Heimat Erde“ Ausdruck finden. Sehr deutlich betonte er auch den Einfluss der ökumenischen Bewegung auf den deutschen Protestantismus im Nachkriegsdeutschland.

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis öffnete die Tür zur erneuten Zusammenarbeit nach 1945 zwischen deutschen Protestanten und der internationalen Ökumene. Das Bekenntnis hat in der Folge selbst „Schule gemacht“ und ist dadurch Vorbild für einige andere Schuldbekenntnisse im internationalen kirchlichen Bereich geworden, die Neuansätze etwa zwischen Kirchen in Europa und Kirchen in ehemaligen Kolonien ermöglicht haben. Hier werde das „versöhnungstheologische Element“, so Müller-Fahrenholz, der ökumenischen Bewegung deutlich. Über Jahrzehnte blieben diese Generation und ihre Kriegserfahrungen eine prägende Kraft für die deutsche ökumenische Arbeit. Benjamin Ziemann bot in seinem Vortrag einen „verfremdenden“ Blick auf die Religionsgeschichte, indem Religionsgemeinschaften als kollektive Akteure in einem endlichen Spielfeld aufzufassen seien.

Ziemann betont, dass die Kirchenstatistik die Selbstwahrnehmung der katholischen Kirche beeinflusst. Dies sieht man deutlich an den fünfziger Jahren. Damals bestand für die katholische Kirche kein Anlass zu einer ökumenischen Öffnung, da sie von positiven Indikatoren ausgehen konnte. Anlass für eine Ökumene hat es, so Ziemann, erst gegeben, als Krisensymptome manifest wurden, die auf die Kirche zurückgewirkt haben. Legt man eine „Gottesdienstziffer“ und nicht die Gottesdienstbesuchszahlen zugrunde, zeigt sich, dass die Krisensymptome nicht, wie vielfach angenommen, erst in den sechziger Jahren begonnen haben. Damit verortet Ziemann mit Steve Bruce den eigentlichen Einschnitt der Säkularisierung in den dreißiger und vierziger und nicht erst in den sechziger Jahren. Die entscheidende Veränderung der sechziger Jahre liegt gerade nicht in der substantiellen oder soziostrukturellen Veränderung, die sich bereits seit den dreißiger Jahren vollzogen hat, sondern in der Problemwahrnehmung. Diese Problemwahrnehmung wird nämlich nun zum Allgemeinwissen. Um 1970 sind die Begriffe der „unsichtbaren Kanzel“ und der „Kirchenkrise“ Symbole für dieses Phänomen.

In dieser Situation nahm die Kirche die Ökumene als ambivalentes Phänomen wahr: Zum einen bot sie die Chance, das religiöse Feld zu beeinflussen, indem man, vor allem auf lokaler Ebene, mit einem Partner kooperierte, der verwandte Probleme hatte und hierfür ähnliche Lösungswege suchte. Gleichzeitig nahm die Kirche die Ökumene als Gefahr wahr und zwar als eine Profileinbuße.