Protestantismus im geteilten Deutschland. Forschungsperspektiven

Tagung der Forschergruppe am 6. und 7. Juli 2015 an der Georg-August-Universität Göttingen.

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Der Hauptvortrag ist öffentlich, für die Teilnahme an den übrigen Vorträgen bitten wir um vorherige Anmeldung.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Stefan Fuchs (Koordinator der Forschergruppe).

Veranstaltungsort ist der Große Seminarraum der Zentralbibliothek: Platz der Göttinger Sieben 1, 37073 Göttingen

Der öffentliche Abendvortrag findet in der Paulinerkirche statt: Papendiek 14, 37073 Göttingen

Bild: Versöhnungskirchengemeinde Berlin

Über die Tagung

Wer den Einfluss des Protestantismus in den ethischen Debatten der alten Bundesrepublik erschließen will, kommt um den vergleichenden Blick auf die Verhältnisse zwischen der Bundesrepublik und der DDR nicht herum. Ein solcher Vergleich stellt eine besondere Herausforderung dar. Zwar handelt es sich um den Vergleich zweier Protestantismen in zwei Staaten. Und doch muss in Rechnung gestellt werden, dass es keine einfache Korrelation von Protestantismus und Staatsordnung gibt, aber auch keine schlichten Antagonismen zwischen Protestantismus und Staat oder den Protestantismen in Ost und West.

Vielmehr sind sowohl Staatsordnungen als auch die Rolle der Protestantismen im jeweiligen Staat vielfältig aufeinander bezogen. Manches war nur deswegen so, wie es war, weil die jeweils andere Seite es anders machte. Zudem verhielten sich die politischen Präferenzen der jeweiligen Protestantismen bisweilen quer zu den politischen Grenzen, innerhalb derer sie sich entwickelten. Und schließlich gibt es die unterschiedlichen Zäsuren der staatlichen Trennung 1949 und der Trennung von EKD und BEK 1969.

Forschungsperspektiven für den Protestantismus im geteilten Deutschland verlangen deswegen weniger einen komparativen Zugriff als vielmehr die Erschließung von Verbindungslinien. Darüber hinaus bedarf es eines genauen Blicks für die Vorgänge, bei denen Gleiches unterschiedlich akzentuiert wurde. In der Verbindung von geschichtswissenschaftlichen, politikwissenschaftlichen und theologischen Zugängen sollen solche Forschungsperspektiven auf der Tagung ausgelotet werden.

Tagungsprogramm

Montag, 6. Juli

13.45 – 14.15 Uhr Beginn der Tagung (Ankommen, Anmelden), Begrüßung und Einführung

14.15 – 15.15 Uhr Claudia Lepp: „Märtyrer“ oder „verkappte Edelkommunisten“? Motive kirchlicher Übersiedler in die DDR während der 1950er Jahre, anschließend Diskussion

15.15 – 16.15 Uhr Benedikt Brunner: Ostdeutsche Avantgarde? Der lange Abschied von der "Volkskirche" in Ost- und Westdeutschland 1949-1965, anschließend Diskussion

16.15 – 16.35 Uhr Kaffeepause

16.35 – 17.35 Uhr Henning Theißen: Die Regionalisierung der Evangelischen Kirche der Union (1970/72). Ein unerforschtes Kapitel zum Thema Gemeinschaft im geteilten Deutschland, anschließend Diskussion

17.35 – 18.35 Uhr Veronika Albrecht-Birkner: Weichenstellungen in der politischen Ethik des Protestantismus in der DDR in den 70er Jahren und ihre Auswirkungen auf das Verhältnis des BEK zur EKD in den 80er Jahren, anschließend Diskussion

19.30 Uhr Öffentlicher Vortrag in der Paulinerkirche: Jürgen Schmude: Es hat sich politisch ausgewirkt. Die evangelische Kirche ist im geteilten Deutschland bei ihrer Sache geblieben: Sie hat sich eingemischt.

Dienstag, 7. Juli

09.00 – 09.15 Uhr Begrüßung, kurze Zusammenfassung des Vortages und Ausblick

09.15 – 10.45 Uhr Markus Wustmann: Evangelische Kirche und die Integration von Ostvertriebenen in der DDR, Kommentar: Felix Teuchert, anschließend Diskussion

10.15 – 11.15 Uhr Thomas Widera: Evangelische Kirche und Kriegsdienstverweigerung in der DDR, Kommentar: Hendrik Meyer-Magister, anschließend Diskussion

11.15 – 11.45 Uhr Kaffeepause

11.45 – 13.15 Uhr Moderiertes Zeitzeugengespräch mit Wolf Krötke und Horst Hirschler

13.15 – 14.30 Uhr Mittagspause

14.30 – 15.30 Uhr Martin Fischer: Kirchliche Ehe- und Familienberatung in der DDRKommentar: Sarah Jäger, abschließend Diskussion

15.30 – 16.30 Uhr Sylvie Le Grand-Ticchi: Kirchenbau in der DDRKommentar: Philipp Stoltz, anschließend Diskussion

16.30 – 17.00 Uhr Abschlusskommentar und Zusammenfassung

Öffentlicher Abendvortrag

Öffentlicher Vortrag am 6. Juli um 19.30 Uhr in der Paulinerkirche (Papendiek 14, Göttingen)

Dr. Dr. h. c. Jurgen Schmude (Bundesminister a. D. und ehem. Prases der Synode der EKD): Es hat sich politisch ausgewirkt. Die evangelische Kirche ist im geteilten Deutschland bei ihrer Sache geblieben: Sie hat sich eingemischt. 

Verkündigung des Evangeliums und christlicher Glaube dienen nicht politischen Zwecken. In der Zuwendung zu anderen und zur Gesellschaft haben sie politische Wirkung. Die evangelische Kirche in der DDR hat dafür zahlreiche Beispiele gegeben. 

  • Die Kirche als vom Staat unabhängiger Bereich hat in der DDR Raum für ihr Gemeindeleben und Schutz für Bedrängte, z. B. für Ausreisewillige und Oppositionelle geboten. Ihr ständiges kompromissloses Drängen auf Gewaltlosigkeit hat für das Gelingen der friedlichen Revolution größte Bedeutung gehabt. 
  • Die Kirche war in der DDR der einzige „demokratische Sektor“ mit freien Meinungsäußerungen, Wahlen und Beschlüssen. Sie handhabte das nach ihrem Selbstverständnis, wirkte damit aber auch beispielgebend und gab mit dem Inhalt ihrer Verlautbarungen politisch bedeutsame Anstöße. Die Erfahrung mit der kirchlichen Praxis war für aktive Christen bei ihrer Mitarbeit am demokratischen Neuanfang hilfreich. 
  • Um Menschen in ihrer Not zu helfen, arbeiteten Einrichtungen und Amtspersonen der evangelischen Kirchen in beiden deutschen Staaten von Anfang an nachhaltig am Zustandekommen und an der Durchführung von Freikäufen und Ausreisen aus der DDR mit. Häftlingen, getrennten Familien und aus anderen Gründen Ausreisewilligen wurde wirksam Beistand geleistet. 
  • Die grenzüberschreitende Gemeinschaft der evangelischen Christenheit in Deutschland wurde seit etwa 1950 bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung in kirchlichen und diakonischen Partnerschaften zwischen allen Regionen beider deutscher Staaten durch regelmäßige Begegnungen und Hilfeleistungen verlässlich gelebt. Das hat auch politisch  als Klammer zwischen den Menschen im geteilten Deutschland gewirkt.

Jede Situation fordert ihre eigenen Antworten. Von Kirche und Christen so gegeben, wie es ihnen zukommt, sind diese Reaktionen immer wieder hilfreich für einzelne Betroffene, zugleich aber auch für den Frieden in der Gesellschaft und in der Welt.

Download des Vortrags-Manuskripts