Das evangelische Staatsverständnis im Spiegel ethischer Entwürfe der 1950er und 1960er Jahre (abgeschlossen)

Das Thema wird bearbeitet von
Georg Kalinna

Unter dem Eindruck der veränderten politisch- gesellschaftlichen Wirklichkeit der frühen Bundesrepublik finden mühsame und tiefgreifende Neuorientierungsprozesse im evangelischen Staatsverständnis statt. Ziel der Arbeit ist es, diese bislang vernachlässigten Neuorientierungsprozesse anhand ausgearbeiteter sozialethischer Entwürfe der 50er und 60er Jahre nachzuzeichnen. Die grundlegende Frage ist: Wie versteht die bundesrepublikanische Sozialethik der Nachkriegszeit die Demokratie des Grundgesetzes?

Da die Neuorientierungsprozesse im evangelischen Staatsverständnis der frühen Bundesrepublik Teil der Lebenswirklichkeit der 50er und 60er Jahre sind, ist zu untersuchen, welche Einflüsse aus dem Bereich des sozialen, kulturellen oder politischen Lebens auf die sozialethische Theoriebildung auszumachen sind. Die Untersuchung ist der Versuch einer Alternative zu der theologiegeschichtlichen Erzählung, wonach das protestantisch-theologische Staatsverständnis der Nachkriegszeit lediglich eine defizitäre Vorgeschichte zur Demokratiedenkschrift von 1985 ist. Diesem Narrativ zufolge sind die theologischen Staatsdeutungen der 1950er und 1960er Jahre pluralismus- und demokratiefeindlich. Erst 1985 habe die protestantische Theologie durch die Demokratiedenkschrift mit der Staatsform der Demokratie „ihren Frieden“ gemacht. Es soll gezeigt werden, dass sich bei dieser Art von Theologiegeschichte mindestens zwei Elemente ausmachen lassen, die den Eigenwert und die Komplexität dieser Debatten vernachlässigen und damit Theoriepotentiale für die heutige Zeit verspielen.

Die erste Verkürzung besteht darin, dass man dem theologischen Schrifttum der Nachkriegszeit vorwirft, es habe das Phänomen des pluralistisch verfassten, liberalen Rechtsstaates nicht hinreichend erfasst. Eine solche Einordnung operiert explizit oder implizit mit der Annahme, dass es sich bei den sozialethischen Debatten um demokratie- oder staatstheoretische Debatten handle. Demgegenüber empfiehlt es sich methodisch, die dogmatischen und (sozial-)ethischen Deutungsmuster zunächst einmal als das anzusehen, was sie unbestreitbar sind: Kommunikation in einem theologischen Kontext. Eine zweite Verkürzung kann darin gesehen werden, dass man den sozialethischen Entwürfen der 50er und 60er Jahre vorwirft, dass sie Begriffe und Figuren benutzen, die als solche bereits ungeeignet sind, die moderne Wirklichkeit zu erfassen. Dagegen soll die These in Anschlag gebracht werden, dass sich Wandel von Normen nur innerhalb von gegebenen Sprachsystemen abspielen kann. Eine weitere Kontextualisierung des bundesrepublikanischen Protestantismus in die Sprachkonventionen der Nachkriegsgesellschaft muss zeigen, inwiefern die theologischen Deutungsmuster hiervon abweichen. Als Hintergrundfolie für den Demokratiebegriff dient insbesondere der Stand der damaligen rechtswissenschaftlichen Debatte um Rechtsstaats- und Demokratieprinzip. Vor diesem Hintergrund soll gezeigt werden, dass es unter den theologisch-sozialethischen Entwürfen weitreichende Gemeinsamkeiten gibt, die sich nicht mit dem Schema "Barthianer" vs. "Lutheraner" fassen lassen, sowie Unterschiede, die sich mithilfe dieses Verfahrens besser voneinander abheben lassen.

Als Fallbeispiel für die Untersuchung dient die sog. "Obrigkeitsdebatte" (1959-1960), bei der sich vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts die unterschiedlichen Ansichten zur theologischen Staatsdeutung konkret niedergeschlagen haben.