Ausschreibungstext für das Teilprojekt "Der Protestantismus und die Fragen nach gesellschaftlicher Integration und nationaler Identität" (Prof. Dr. Claudia Lepp)

Migration und Integration stellten für die Bundesrepublik seit ihrer Gründung eine politische und soziale Herausforderung dar und bargen zugleich Potential für wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Die Aufnahme erfolgte in einer Gesellschaft, die zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung fundamentale Wandlungen durchlief und auf der Suche nach dem eigenen Selbstverständnis war. Für den westdeutschen Protestantismus bedeuteten die Zuwanderungen Anlass zu humanitär-diakonischem Engagement, aber auch zu sozialethischer Stellung- und Einflussnahme. In den protestantischen Beiträgen zu den Debatten um Migration und Integration wurden - je nach Migrantengruppe und Zuwanderungszeitpunkt - durchaus unterschiedliche ethische und politische Themen explizit und implizit verhandelt. Ebenso variierten die protestantischen Debattenakteure und die von ihnen gewählten Aktions- und Sozialformen.

In der ersten Förderphase standen die konfliktualen Integrationsdebatten nach einer erzwungenen Massenmigration in den gleichen Nationalverband im Focus: Analysiert wurden protestantische Vorstellungen von der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Integration der Ostvertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft. Dabei wurden die Integrationsdebatten der fünfziger und sechziger Jahre auch als gesellschaftliche Selbstverständigungsdiskurse interpretiert, in denen Modernisierungs- und Transformationsprozesse diskursiv verarbeitet wurden.

In der zweiten Förderphase stehen Debatten über eine fortlaufende Zuwanderung von Migranten unterschiedlichster Herkunftsgebiete und deren individuelle Motive im Mittelpunkt. Damit verlagert sich der Akzent auf die jeweilige Aufnahmesituation und die Aufnahmeverfahren sowie auf die bundesdeutsche Aufnahmebereitschaft im Spannungsfeld von nationalen Interessen und humanitärer Solidarität.

Unterprojekt: Der Protestantismus in den Debatten um die Aufnahme und Anerkennung von politischen Flüchtlingen (1945-1989)

Der Umgang mit Flüchtlingen kann als Indiz für das Selbstverständnis einer Gesellschaft und die von ihr propagierten Normen und Verhaltensweisen gedeutet werden. Die Auseinandersetzungen um die Definition des politischen Flüchtlings und damit um den Begriff des Politischen verweisen ebenfalls auf gesellschaftliche Werthaltungen. Unter diesen Vorannahmen analysiert das Forschungsprojekt den bislang nicht bestimmten Anteil des Protestantismus in den bundesdeutschen Flüchtlings- und Asyldebatten als Werte-, Interessen- und Demokratiekonflikte.

Das Projekt will zeigen, wie der Protestantismus die Aufnahmesituation und die Anerkennungsverfahren von politischen Flüchtlingen beurteilte, welche ethischen Themen und Argumentationsmuster von seiner Seite in die Debatten der Aufnahmegesellschaft eingebracht wurden und welchen Einfluss er auf flüchtlings- und asylpolitische Entscheidungen nahm. Das Forschungsprojekt gibt Aufschluss über die Bewertung von Fluchtmotiven und Flüchtlingsbildern seitens des Protestantismus, seinen Umgang mit Flüchtlingshierarchien und Hierarchien der Solidarität, sein religiöses und säkulares Argumentieren, sein Austarieren des Spannungsfelds von individuellem Menschenrecht und Gemeinwohl sowie über das Selbstverständnis des Protestantismus und seine Sozial- und Aktionsformen im demokratischen Rechtsstaat.
Erwartet wird die Anfertigung einer Dissertation.

Anforderungen an eine Bearbeiterin / einen Bearbeiter:

  • Sehr guter Studienabschluss im Fach Neuere und Neueste Geschichte (Master, Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien)
  • Sehr gute Kenntnisse der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
  • Interesse an religionsgeschichtlichen Fragestellungen
  • Teamfähigkeit und die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an der Zusammenarbeit der Gesamtgruppe, der Ortsgruppe und der Projektgruppe

Erwünscht:

  • Erfahrung in der Archivrecherche
  • Kenntnisse im Themenfeld „Migration und Integration in der Bundesrepublik Deutschland“

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