Ausschreibungstext für das Teilprojekt "Die bundesrepublikanische Gesellschaft im Spiegel der theologischen Ethik" (Prof. Dr. Martin Laube)

Das Teilprojekt setzt bei der Einsicht an, dass die in der evangelischen Theologie und Kirche geführten ethischen Debatten stets auch als gegenwartshermeneutische Selbstverständigungsdebatten zu begreifen sind. Insofern gilt das Augenmerk der Frage, welche Gesellschafts- und Selbstdeutungen in den protestantischen Beiträgen zu den ethischen Debatten der ‘alten’ Bundesrepublik verschlüsselt sind: Wie wird die gesellschaftliche Wirklichkeit der Bundesrepublik auf den Begriff gebracht, und wie wird der Ort des Protestantismus im Horizont dieser Gesellschaft bestimmt?

In der ersten Projektphase lag der thematische Schwerpunkt auf der elementaren Orientierungskrise des deutschen Protestantismus in den 1950er und 1960er Jahren, nachdem die überkommenen Orientierungsmuster zerbrochen waren und es galt, für die veränderte gesellschaftliche Gesamtlage der frühen Bundesrepublik geeignete Deutungsfiguren zu entwickeln. Ein erstes Unterprojekt widmete sich dem evangelischen Staatsverständnis, ein zweites Unterprojekt untersuchte die theologische Auseinandersetzung mit dem Marxismus.

Die zweite Projektphase verlagert nun den Akzent und nimmt schwerpunktmäßig die 1970er und 1980er Jahre in den Blick. Dabei wird die Grundfrage des Projekts, welche normativen Gesellschaftsbilder im Hintergrund der ethischen Debatten stehen und welche Kontroversen über die gesellschaftliche Rolle des Protestantismus im Medium dieser Debatten ausgetragen werden, beibehalten.

In der Durchführung befasst sich das erste Unterprojekt mit der ‘Entdeckung’ des Menschenwürdegedankens in der theologischen Ethik. Es ist zwar schon häufiger notiert worden, dass der Menschenwürdegedanke nach 1945 erst allmählich und spät von der evangelischen Theologie aufgenommen und argumentativ fruchtbar gemacht worden ist. Eine selbständige Untersuchung dieser eigentümlichen Rezeptionsgeschichte fehlt jedoch bislang. Aller Literatur über Geschichte und Begriff der Menschenwürde zum Trotz besteht hier eine Forschungslücke, die von diesem Unterprojekt geschlossen werden soll.

Das zweite Unterprojekt widmet sich dem protestantischen Streit um den status confessionis. Die Erklärung des status confessionis – des Bekenntnisfalls – gehört zu den schärfsten Waffen im innerprotestantischen Richtungsstreit. In der Geschichte der ‘alten’ Bundesrepublik ist sie dreimal gezückt worden: in der Auseinandersetzung um die atomare Bewaffnung 1958, in der Frage der Stellung zum Apartheids-System in Südafrika 1977 sowie in der Friedensdebatte um den NATO-Doppelbeschluss 1982. In allen drei Fällen haben sich an der Ausrufung des status confessionis heftige Kontroversen entzündet, die bisher in keiner Weise aufgearbeitet worden sind. Das Projekt stellt sich die Aufgabe, die in die genannten ethischen ‘Primärdebatten’ eingewobenen ‘Sekundärdebatten’ um die Legitimität und die Zielrichtung eines christlichen Bekenntnisnotstandes herauszuschälen und daraufhin zu befragen, welche Auseinandersetzungen über die gesellschaftliche Rolle und Aufgabe des Protestantismus darin zum Austrag kommen.

Im Rahmen des Teilprojekts sind an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen- / Mitarbeiterstellen im Umfang von 65% der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit befristet für die Dauer von 3 Jahren zu besetzen. Die Laufzeit des Projekts ist vom 1. Oktober 2016 bis zum 30. September 2019; die Vergütung erfolgt nach TV-L 13. Die Stelleninhaberin / der Stelleninhaber bearbeitet eines der beiden Unterprojekte. Erwartet wird die Anfertigung einer Dissertation.

Folgende Anforderungen bestehen an die Stelleninhaberin / den Stelleninhaber:

  • Überdurchschnittlicher Studienabschluss in Evangelischer Theologie.
  • Interesse an und Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten, insbesondere im Fach Systematische Theologie.
  • Teamfähigkeit und die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an der gemeinsamen Arbeit in der Forschergruppe.
  • Wünschenswert sind Kenntnisse im Bereich der Zeitgeschichtsforschung bzw. die Bereitschaft, sich selbständig in die entsprechenden Methoden einzuarbeiten.

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