Ausschreibungstext für das Teilprojekt "Individualisierungsprozesse als Referenzpunkt theologisch-ethischer Theoriebildung" (Prof. Dr. Reiner Anselm)

Die bundesrepublikanische Gesellschaft durchläuft in den 1950er- und 1960er-Jahren einen umfassenden Modernisierungsprozess. Innerhalb weniger Jahre löst ein an Emanzipation und individuellen Lebensentwürfen orientiertes Denken die gesellschaftlichen Muster ab, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu restaurativen Tendenzen geführt hatten. Wichtiger Motor ist dabei die technologische Entwicklung, die nicht nur das sog. „Wirtschaftswunder“ antreibt, sondern auch die Individualisierung befördert. Seit den späten 1960er-Jahren zeigen sich jedoch auch die Schattenseiten dieser Entwicklung: Die Individualisierungsprozesse führen zu den großen Spannungen der 1968er, vor allem aber werden die „Nebenfolgen“ der Modernisierung deutlich: Der technologische Fortschritt bringt nicht nur Wohlstand und neue Freiheiten, er stellt sie zugleich auch infrage. Die Thematisierung solcher nicht-intendierte Nebenfolgen stellt den vielleicht spannendsten Teil von Ulrich Becks Individualisierungstheorie dar, die im Hintergrund der in den Forschungsprojekten dieses Teilbereichs der Forschergruppe behandelten Fragestellungen steht: Modernisierung selbst setzt nämlich Prozesse frei, die ihre ursprünglichen Intention unterlaufen, oder ihr gar entgegengesetzt ist. Moderne Gesellschaften bilden, dadurch herausgefordert, Möglichkeiten der Re-Integration aus, neuer Integrationsbegriffe, die ihrerseits den Dynamiken von Modernisierung und ihren Nebenfolgen entgegenwirken sollen. Modernisierung wird so, mit Ulrich Beck gesprochen, zur Reflexiven Modernisierung.

In drei Bereichen, bei den Risiken der friedlichen Nutzung der Atomenergie, den Folgeschäden der Ausbeutung der Natur und den Möglichkeiten eines technischen Eingriff in die menschliche Reproduktion treten diese Probleme unerwünschter Nebenfolgen besonders deutlich in den Vordergrund. Es ist interessant zu sehen, wie alle drei Bereiche in der Wahrnehmung der protestantischen Akteure verquickt werden: Die Fragen des Friedens und der internationalen Gerechtigkeit verbinden sich schon früh mit den Themen der Ökologie und der Integrität der Schöpfung. Das Integral bildet hier der Lebensbegriff, der in dem eben geschilderten Sinne als Re-Integrationsfigur, als Korrektiv gegen übersteigerte Gestaltungsansprüche profiliert wird. Den hier nur in aller Kürze angedeuteten Transformationsprozessen soll in drei Einzelstudien nachgegangen werden, stets verbunden mit der Frage, in welcher Weise der Protestantismus durch diese Nebenfolgen selbst beeinflusst wurde und wie er versuchte, sich selbst als Re-Integrationsinstanz anzubieten.

Zunächst sollen in einem Grundlagenprojekt die Wahrnehmung und die Verarbeitung solcher Nebenfolgen durch die in diesem Zusammenhang ausgebildete Formel von der „Bewahrung der Schöpfung“ untersucht werden.

Parallel zu diesem Grundlagenprojekt, das besonders die theologieinternen Umbauprozesse um „Schöpfung“ und „Leben“ in den Blick nimmt, sollen zwei eher materiale Themenbestände analysiert werden: Die Verschiebungen im Diskurs um die Atomkraft, deren friedliche Nutzung zunächst noch als Lösung für globale Probleme propagiert wird, die dann aber in den Mittelpunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Technik rückt, und die Bedrohung des Lebens durch die Gentechnik.

In beiden Fällen lässt sich nicht nur der Umschlag zwischen einer zunächst positiv als freiheitsfördernd, dann aber als massiv bedrohend wahrgenommenen Entwicklung in der Moderne beobachten, sondern auch die Ausweitung des Argumentationshorizonts zu einer globalen Perspektive sowie die Verschiebung in den Partizipationsformen: Bürgerbewegungen spielen nun eine größere Rolle, ebenso der Kirchentag. Gleichzeitig aber etablieren sich auch neue Expertengremien, die, vorwiegend aus dem linksprotestantischen Milieu kommend, den Diskurs maßgeblich beeinflussen. Die Analyse der Sozialformen, die Frage, wie das in der laufenden Arbeitsphase erarbeitete Protestantismusverständnis sich als analytisches Instrumentarium in den Debatten der 1970er und 1980er-Jahre bewährt, wird neben der Aufarbeitung der materialen Fragen im Mittelpunkt der Arbeit stehen.

Anforderungen an eine Bearbeiterin / einen Bearbeiter:

  • Überdurchschnittlicher Studienabschluss in Evangelischer Theologie
  • Interesse und Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten, insbesondere im Fach „Systematische Theologie / Ethik“
  • Kenntnisse im Bereich der Zeitgeschichtsforschung bzw. die Bereitschaft, sich selbst in die entsprechenden Methoden einzuarbeiten
  • Teamfähigkeit und die Bereitschaft, an den regelmäßigen Treffen der Gesamtgruppe teilzunehmen

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