8. Workshop im Mai 2018: Wie verhält sich der Protestantismus zur Individualität?

Auf ihrem achten Workshop im Studienhaus Schönwag stellte sich die Forschergruppe dem übergreifenden Thema Individualität, das insbesondere in den ethischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre in der Bundesrepublik Relevanz erlangte. Unter dem Titel „Hochschätzung der Individualität – Angst vor dem Individuum?“ wurde die Frage behandelt, wie sich der bundesdeutsche Protestantismus zur fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft verhielt und welche Konsequenzen sich aus den veränderten Rahmenbedingungen für den Umgang mit bzw. die Erwartungen an das einzelne Individuum ergaben.

Als Zugang wurde die Auseinandersetzung mit Quellen gewählt, die die Mitarbeitenden aus ihren eigenen Forschungsprojekten zur Verfügung stellten. Dabei handelte es sich unter anderem um historische Zeitschriftenartikel, offizielle Stellungnahmen, öffentliche Reden und den Entwurf für einen Gottesdienst. Die vielfältige Auswahl wurde anhand inhaltlicher Kriterien vorstrukturiert und zunächst in den bewährten Kleingruppen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Unterstützung der Projektleitenden besprochen.

Im anschließenden Plenum wurde der Versuch unternommen, aus den sehr diversen und auf einen jeweiligen Einzelfall bezogenen Quellen, die aus einem Zeitraum von 1951 bis 1989 stammten, übergeordnete Erkenntnisse über das Verhältnis des Protestantismus zur Individualisierung der Gesellschaft zu identifizieren. Dabei wurde deutlich, dass eine fortschreitende Individualität als Zustand zwar anerkannt, doch das Individuum selbst im Zweifel eher als Ausgangspunkt eines Problems gesehen wurde. Eine „Lösung“ schien dem Protestantismus in den vorgelegten Texten zu sein, das Individuum als Subjekt ethischer Forderungen in den Blick zu nehmen. Dahinter stand die weit verbreitete Annahme, dass das Individuum durch Bildungsprozesse in der Lage ist, einsichtig zu sein und „vernünftige“ Entscheidungen zu treffen.

Zum Abschluss des Workshops waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, die Erkenntnisse der Diskussion über Individualität auf ihre eigenen Forschungsprojekte zurückzubinden. Dabei ergaben sich viele Überscheidungspunkte, auch zwischen den Disziplinen.