Die Forschergruppe auf der Tagung „Experten, Propheten oder Lobbyisten?“

tagungloccumEin Jahr nach Beginn der zweiten Förderphase hat die Forschergruppe 1765 am 15. und 16. September neue Erkenntnisse aus ihrer Arbeit auf einer Tagung im niedersächsischen Loccum präsentiert. Die von der dortigen Evangelischen Akademie in Kooperation mit der FEST in Heidelberg sowie der Forschergruppe ausgerichteten Tagung beleuchtete unter dem Titel „Experten, Propheten oder Lobbyisten?“ die Rolle von Kirchenvertretern in politikberatenden Gremien. In drei Fallstudien legten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des interdisziplinären DFG-Projekts dar, wie Kirchen auf die Politikfelder Umwelt, Migration und Frieden Einfluss genommen haben. Anne Friederike Hoffmann (Theologin), Philip Smets (Politikwissenschaftler) und Jonathan Spanos (Historiker) stellten ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Diskussion. Prof. Dr. Reiner Anselm, stellvertretender Sprecher der FOR 1765 und Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München, hielt zudem einen Vortrag zu den Aufgaben eines „Öffentlichen Protestantismus“.

Eröffnet wurde die Tagung zunächst mit einem aktuellen Blick auf den Einfluss kirchlicher Akteure in der „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, die im Sommer 2016 ihren Abschlussbericht vorgelegt hatte. Unter anderem wurde die Rolle von Ralf Meister, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche von Hannover, erörtert. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne), die Geschäftsführerin der Bundesgesellschaft für Endlagerung, Ursula Heinen-Esser und der Journalist Jürgen Voges gaben dazu ihre Einschätzungen ab. Dabei wurde dem evangelischen Landesbischof Meister insbesondere eine geschätzte Vermittlerposition im Rahmen der Kommissionssitzungen zugeschrieben.

Anschließend brachten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Forschergruppe mit drei Fallstudien ein. Anne Friederike Hoffmann von der LMU München betrachtete in ihrem Vortrag die Entstehung und die Rolle der kirchlichen Umweltbeauftragten in den 1970er und 1980er Jahren. Sie stellte eine starke Popularisierung umweltpolitischer Fragen fest, auf die von Seiten der Landeskirchen und der EKD seit 1973 sukzessive mit einer Institutionalisierung von Schöpfungsverantwortung (Kurt Oeser) durch die Bereitstellung von Umweltbeauftragten und die Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten (AGU) 1982 reagiert wurde. Anhand dreier Schriften untersuchte Hoffmann das nicht immer konfliktarme Verhältnis der Umweltbeauftragten zur EKD und die Präsenz der Umweltbeauftragten in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Ihre Rolle wurde in einem vielgestaltigen Spektrum zwischen Positionierung, Kritik, Opposition, Vermittlung und Gestaltung verordnet. Hoffmann führte aus, dass die Umweltbeauftragter als „Platzhalter“ für das Thema Umweltschutz angesehen werden können. Außerdem zeichnete sie die „Ethisierung“ eines ehemals dogmatischen Topos, nämlich der Schöpfungslehre, nach. Diese „Ethisiserung“ führte Hoffmann zufolge konsequenterweise auch dazu, dass die Kirchen das Thema Umweltschutz aufgenommen, institutionalisiert und mit dauerhaften Ansprechpartnern versehen haben.

Jonathan Spanos, Historiker an der LMU München, hielt daran anschließend einen Vortrag über den Flüchtlingsbeirat der EKD und das Bundesvertriebenenministerium in der Auseinandersetzung um die Anerkennung von DDR-Flüchtlingen in der BRD vor 1961. Aufnahme und Anerkennung dieser Flüchtlingsgruppe wurden in den 1950er Jahren kontrovers diskutiert. Im Rahmen dieser Diskussion nahm, so Spanos, der Flüchtlingsbeirat der EKD eine advokatorische Rolle ein und verstand sich als Fürsprecher für eine marginalisierte Minderheit gegenüber der staatlichen Bürokratie und Politik. So avancierte der Bei-rat zum harten Kritiker staatlicher Praxis, wobei theologische Argumente in der Debatte in den Hintergrund traten, um Raum für säkulare, juristisch-politische Begründungsmuster zu geben, durch die man sich mehr Durchsetzungsvermögen erhoffte.

Der Göttinger Politikwissenschaftler Philip Smets beschloss den Fallstudienblock mit einem Vortrag über Klaus von Schubert und das Konzept der gemeinsamen Sicherheit in der sicherheitspolitischen Strategiediskussion innerhalb der SPD in den 1980er Jahren. Die Frage, auf welche Weise der neue Ansatz der gemeinsamen Sicherheit seinen Weg in die Politik fand und welche Rolle dabei die Person Klaus von Schubert spielte, standen im Fokus seiner Überlegungen. Smets zeichnete ein sehr vielschichtiges Bild von Klaus von Schubert als einer protestantischen Persönlichkeit, die neben der persönlichen Glaubens-gewissheit auch die Aspekte profunder militärischer Erfahrung, wissenschaftlicher Expertise und einer sozialdemokratischen Überzeugung in sich vereinte, all diese Aspekte mit-hin in seine politische Arbeit, etwa in der sicherheitspolitischen Kommission der SPD, integrierte. Der Referent konstatierte, dass, obgleich Schubert nicht mit einem kirchlichen Amt ausgestattet war, seine christliche Überzeugung dennoch – beispielsweise im Engagement in der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD – deutlich sein politisches Agieren prägte. Smets ordnete Schubert daher dem Modell des „Öffentlichen Protestantismus“ von Prof. Dr. Reiner Anselm und Prof. Dr. Christian Albrecht zu, da Schubert sowohl in der persönlichen Grundüberzeugung als auch in der aktiven Teilnahme an kirchlichen Diskussionen seine Ausrichtung auf und seinen Einsatz für das Gemeinwohl zum Ausdruck brachte.

Das Konzept des „Öffentlichen Protestantismus“ (nachzulesen in: Anselm/Albrecht: Öffentlicher Protestantismus. Zur aktuellen Debatte um gesellschaftliche Präsenz und politische Aufgaben des evangelischen Christentums, Zürich 2017) stellte Prof. Dr. Reiner Anselm auf der Loccumer Tagung erneut vor. Er betonte in seinem Vortrag drei Kriterien für die öffentliche Präsenz und Teilhabe von protestantischen Akteuren in gesellschaftlichen Debatten: Die Anerkennung der Weltlichkeit der Welt, die Freiheit in Gemeinschaft und die Ausrichtung auf die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens. Hierbei sei unter dem Paradigma der Versöhnung zu bedenken, dass Unterschiedlichkeit und Vielfalt Kernbestandteile des Protestantischen sind und daher eine Konsensfähigkeit viel weniger erstrebenswert sei, als die Kompromissorientierung kirchlicher Binnendiskurse. Diese theologische Grundannahme relativiere auch den Veränderungsdruck, kirchliche Tendenzen zu einem Dauermodus der Kritik und eine Grammatik des Aktivismus.

Im Anschluss an alle Vorträge blieb an der Evangelischen Akademie Loccum viel Raum für Diskussionen und Beiträge. In der Abschlussdiskussion, eingeleitet durch eine Zusammenfassung von Dr. Thorsten Moos, diskutierte das Plenum insbesondere die unterschiedlichen Aufgaben, Rollen und Zuschreibungen kirchlicher Akteure, die während der Tagung umrissen worden waren. Deutlich wurde, dass die situative und individuelle Verschiedenheit der Rollenmuster groß ist und dass gerade dieser Sachverhalt die kirchliche Mitwirkung in politikberatenden Gremien bereichert sowie unterschiedlichste Aufgaben und Funktionen ermöglicht. Dass protestantisches Agieren auf persönlich-individueller, kirchlichinstitutioneller und gesellschaftlich-politischer Ebene unterschiedlichen Erfordernissen und Erwartungen unterliegt, führt zu der Einsicht, dass die Rollen kirchlicher Vertreter in der Dynamik politischer und gesellschaftlicher Veränderungen immer neu ausgehandelt, hinterfragt und reflektiert werden sollten.

Link zum Bericht im Deutschlandfunk vom 19.09.2017http://www.deutschlandfunk.de/kirchliche-lobbyarbeit-einfluss-in-gottes-namen.886.de.html?dram:article_id=396153