Kirchentage und Kirchenbautage

Vom 17. bis 19. Juni 2013 traf sich die Forschergruppe auf Gut Schönwag in Oberbayern und tagte zum Thema „Kirchentage und Kirchenbautage“ Im Zentrum standen die Vorträge der drei Referenten, Dr. Dirk Palm, Antje Roggenkamp und Rudolph von Thadden.

Dr. Dirk Palm, der 1999 vom historischen Fachbereich der Universität Gießen mit einer Arbeit über den deutschen evangelischen Kirchentag und die deutsch-deutsch Frage in den Jahren 1949-1961 promoviert wurde, sprach über die unterschiedlichen Konzepte und Ziele, die in den Anfangsjahren unter den Protagonisten des Kirchentags auszumachen sind. Er unterschied einen „volksmissionarischen“ Ansatz von einem „akademisch-problemorientierten“ und einem „politisch-symbolhaften“ Konzept. Vertreter des volksmissionarischen Ansatzes, wie der Gründer des Kirchentags Reinold von Thadden-Trieglaff selbst, zielten mit dem Kirchentag auf eine Rechristianisierung Deutschlands als Ressource des Wiederaufbaus der Gesellschaft. Die akademisch-problemorientierten Protagonisten, besonders prominent der Leiter der Akademie Bad Boll, Eberhard Müller, suchten eher den akademischen Diskurs zu drängenden Fragen der Zeit, während wiederum die politisch-symbolhaften Kräfte politische Forderungen religiös überhöhten, ohne sie weiter diskutieren zu wollen oder sich um deren Umsetzung zu kümmern. Ein Beispiel ist hier der einflussreiche „Theologische Landesausschuss des Kirchentags in Berlin“. Mit diesem idealtypischen Raster analysierte Palm im Folgenden die Kirchentage von Ende der 40er Jahre bis zum Berliner Kirchentag 1961. Detail- und kenntnisreich konnte er aus den Kirchentagsakten des Evangelischen Zentralarchivs herausarbeiten, wie Entscheidungen über Orte, Programme und Referenten im Kräftespiel der verschiedenen Interessen sowohl der Kirchentagsprotagonisten aber auch Politiker der beiden deutschen Staaten gefallen waren. Besonderes Augenmerk legte er dabei auch darauf, wie der Kirchentag auf politische Interessen Rücksicht nehmen musste, da – entgegen der Selbstdarstellung des Kirchentags – teilweise bis zu 40% der Kirchentagsfinanzen von der Bundesrepublik und den Westallierten stammten. „Ein Pfahl im Fleisch der Mächtigen“, wie Johannes Rau den Kirchentag anlässlich dessen 50jährigen Bestehens nannte, war der Kirchentag seiner Meinung nach nie. Stattdessen lavierte er, so Palm, zwischen den politischen Mächten und machte klare inhaltliche Zugeständnisse auf Grund seiner finanziellen Abhängigkeit.

Prof. Dr. Antje Roggenkamp, Praktische Theologin aus Göttingen, führte die Forschergruppe anhand einer Präsentation in die Geschichte und Struktur der Kirchbautage ein. Als Forum zur Diskussion von Gemeindebauten, Kirchenbauten und architektonischen Innovationen im Bereich des „gebauten Protestantismus“ ist der Kirchbautag im Vergleich zum Kirchentag eine etwas vergessene Institution. Und doch erscheint es lohnend, die Rolle des Kirchbaus in den Jahren 1949-1989 für die Kommunikation des Protestantismus in ethischen Debatten genauer in den Blick zu nehmen.

Prof. Dr. Rudolf von Thadden, Göttinger Emeritus für Mittlere und Neuere Geschichte, sprach zum Abschluss der Tagung über die Voraussetzungen für die Entstehung des Kirchentags im Nachkriegsdeutschland. Er vertrat die These, dass die Vorgeschichte des Kirchentags nicht ablösbar sei von der Erfahrung des Kirchenkampfes und des Nationalsozialismus. Dies stellte er in fünf Dimensionen dar. Erstens waren die Kirchen schon 1934 innerlich zerrissen und uneinig, wie auf den Nationalsozialismus reagiert werden solle und wie mit der Theologischen Erklärung von Barmen umzugehen sei. Symptomatisch ist, dass die letzte reichsweite bekennende Synode 1936 tagte. Zweitens wirkte sich die unzureichende Verwurzelung in der weltweiten, ökumenischen Bewegung aus. Sie hatte in Deutschland bereits vor dem Krieg nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Durch den Kirchentag hoffte man auf eine Korrektur der deutschen Kleinstaaterei in Kirchenfragen. Drittens nannte von Thadden die Reformunfähigkeit der evangelischen Landeskirchen nach dem Krieg. Während etwa auf politischer Ebene Gebietsreformen durchgeführt wurden, gelang das im Bereich der Kirche nicht. Es gab, so von Thadden, „einen bis zur Lächerlichkeit gehenden Kontrast“ zwischen politischer Einheit und Spaltung der deutschen Kirchen. Schließlich gehören in der vierten und fünften Dimension gesellschaftspolitische Defizite des deutschen Protestantismus sowie die Schwäche der Laienkirche im Vergleich zur Amtskirche in die unmittelbare Vorgeschichte des Kirchentags nach 1945. Als Sohn des Kirchentagsgründers Reinold von Thadden-Trieglaff und langjähriges Mitglied des Kirchentagspräsidiums bereicherte Rudolf von Thadden den Workshops mit interessanten Details aus dem Leben seines Vaters und bisher unveröffentlichen Zitaten aus Briefen Reinold von Thadden-Trieglaffs.