Versozialwissenschaftlichung

Im Rahmen ihres jüngsten Workshops befasste sich die Forschergruppe mit dem Phänomen der „Versozialwissenschaftlichung“ weiter gesellschaftlicher Bereiche in der Bundesrepublik Deutschland vor allem während der 1960er und 1970er Jahre. Ausgehend von geschichtswissenschaftlichen, politikwissenschaftlichen uns soziologischen Erkenntnissen in diesem Forschungsfeld, wurde auf dem Workshop gemeinsam das Ziel verfolgt, den Verlauf und die Grenzen dieses Prozesses näher zu bestimmen und nachzuvollziehen, um letztendlich den einzelnen Projekten eine angemessene Berücksichtigung dieses Phänomens im Rahmen ihrer individuellen Fragestellungen zu ermöglichen. In Bezug auf das Thema der Forschergruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland“ waren die Fragen erkenntnisleitend, inwieweit – sozialwissenschaftlich gefragt – die starke Einbindung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Breite der gesellschaftlichen Gestaltungsräume tatsächlich stattfand und – ideengeschichtlich gefragt – inwieweit sich diese Phänomene tatsächlich auswirkten und in ihrer Bedeutung einordnen lassen.

Unter dem Titel „Heiße Liebe, bittere Enttäuschung: Planung und Politik in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre“ widmete sich Prof. Dr. Andreas Busch dem Aufstieg der Sozialwissenschaft und besonders der Soziologie zur „Deutungsmacht“ in den 1960er und 1970er Jahren. Hierzu ging er besonders auf die Entwicklung politikwissenschaftlicher Politikberatung ein und ordnete die Herausbildung des Planungsparadigmas und die daran anschließende Enttäuschung darüber in den zeitgeschichtlichen Kontext ein. Insbesondere betonte er, dass in der Bundesrepublik mit der Versozialwissenschaftlichung der Politik in erheblichem Maße nachvollzogen worden sei, was bereits zuvor in den USA Einzug in den politischen Alltag gefunden habe. Die Gesellschaft in den 1960er Jahren beschrieb Busch als eine unter großen Veränderungen, einschließlich ihrer Selbstperzeption, stehende. Dies ließe sich demnach im politischen Raum vor allem im Gegenüber der Bilder einer als saturiert und lähmend empfundenen Adenauer-CDU und der sich öffnenden und nach Modernität strebenden SPD fassen.

Prof. Dr. Benjamin Ziemann referierte in seinem Vortrag über die Versozialwissenschaftlichung innerhalb der katholischen Kirche unter dem Titel „Christliche Kirchen und Sozialwissenschaften nach 1945“. Dabei verfolgte er zwei Stränge: Zum einen nahm er auf der praktischen Seite die dauerhafte Präsenz von Experten in den Kirchen in den Blick, zum anderen identifizierte er auf der konzeptionellen Seite die Suche nach neuen Konzepten und Denkformen. Den Prozess der Versozialwissenschaftlichung datierte Ziemann vor allem auf die 1960er Jahre, wobei allerdings auch auf Vorläufer zu verweisen wäre. Zwei Begriffe seien nach Ziemann in diesem Zusammenhang geeignet, Verwissenschaftlichungstendenzen zu beschreiben: Zum einen verwies er auf die funktionale Differenzierung, die Gegenstand der Soziologie geworden sei, zum anderen auf den Begriff der Reflexion, der mit Schelsky populär geworden sei und mit dessen Hilfe sich alte Traditionen auf den Prüfstand stellen ließen. Im Zuge dieser Entdeckung der funktionalen Differenzierung durch die Soziologie seit auch die Entwicklung der Kirchensoziologie zu verstehen, die ein Interesse an der sozialen Zusammensetzung der Kirche und an sozialen Bedingungen des Glaubens entwickelt habe. Damit einher seien neue Gemeindekonzepte gegangen, die Pfarrbezirke in Funktionsbereiche aufgliedern wollten. Allerdings sei die Kirchensoziologie auch kritisiert worden; so habe sich Luckmann, der selbst kirchensoziologisch arbeitete, von dieser thematisch engen Soziologie abgewandt.

Weiter zuspitzend verfolgte Prof. Dr. Christiane Kuller unter dem Titel „Wirklichkeitsgewinn? Versozialwissenschaftlichung in der Evangelischen Kirche“ die Anwendung sozialwissenschaftlicher Methoden auf die Arbeit und methodische Reflexion der Evangelischen Kirche, besonders verdeutlicht an den Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen. Ziel dieser Methodenübernahme sei es demnach gewesen, einen gerechtfertigten Zugriff auf die Wirklichkeit bis in die Gegenwart zu gewinnen. Gerade in den sechziger Jahren sei hierbei verstärkt eine Wahrnehmungsschwäche der Theologie diagnostiziert worden. Dabei wurde nach Kuller innerhalb der EKD zunehmend deutlich, dass sozialwissenschaftliche Daten kein objektives Fenster zur Wirklichkeit eröffneten, sondern höchstens als Wegweiser fungieren könnten. Allerdings ließen sich auch einige Verknüpfungspunkte zwischen Theologie und Soziologie feststellen: So beschäftigten sich beide Disziplinen mit der Beschaffenheit des sozialen Raumes, zeichneten sich durch kritische Selbstreflexion aus und untersuchten den Menschen in seinen sozialen Bezügen. Dabei betone die Soziologie besonders die menschliche Wandlungsfähigkeit. Für die Theologie stellten sich in diesem Zusammenhang besonders Fragen nach der Konkretisierung des Evangeliums, nach einer Historisierung der Tradition und nach der Kirche als Institution. Im Weiteren verwies der Vortrag darauf, dass die Anfänge der Religionssoziologie fest in kirchlich-theologischer Hand lägen.

In einer weiteren Einheit befasste sich die Forschergruppe mit ihrem Verständnis des Phänomens Protestantismus. Die vage Kennzeichnung als Phänomen soll hierbei bereits verdeutlichen, dass keinesfalls davon ausgegangen werden kann, dass der Protestantismus sich in einer Weise unwidersprochen definieren ließe. Schnell wurde deutlich, dass eine geschlossene, an institutionellen, bekenntnisgeleiteten, an persönlichen Lebensformen oder gar an Selbstzuschreibungen orientierte, Bestimmung des Protestantismus nicht leistbar sei. Trotz dieser Herausforderung bei der Fassung des Phänomens Protestantismus war es der Forschergruppe bereits auf ihrem Januar-Workshop 2015 gelungen, sich auf eine gemeinsame interdisziplinäre Forschungsheuristik zu verständigen, anhand welcher sich individuelle protestantische Akteure in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 bestimmen lassen. Diese Leistung ist insofern von besonderem Wert, da sich die hervorgehobene Bedeutung der individuellen Akteure im Protestantismus projektunabhängig bereits nachvollziehen lässt. Die nun auf dem Mai-Workshop besprochenen projektspezifischen Fassungen des Protestantismusbegriffs zeichnet somit aus, dass sie dieser Forschungsheuristik als einem interdisziplinär geteilten Grundverständnis folgen, wodurch das Zusammenwirken der weiteren Projektergebnisse deutlicht verstärkt wird.