Protestantismus und Demokratie

„Die moderne Demokratie ist gewiß nicht ohne Einwirkung des Christentums […], aber wesentlich an ihm vorbei entstanden“. Ebenso kritisch wie nüchtern beurteilte der Göttinger Theologe Ernst Wolf das Verhältnis von Christentum und Demokratie. Die Weimarer Republik wurde von den meisten Protestanten als dezidiert atheistisch und feindselig wahrgenommen. Erst in den Jahrzehnten nach der Etablierung und Konsolidierung der Bundesrepublik rang sich der Protestantismus dazu durch, die demokratische Ordnung der ‚Bonner Republik‘ als „Angebot und Aufgabe“ zu begreifen. Die Forschergruppe hat sich auf ihrem Workshop im Oktober 2014 aus theologischer und juristischer Sicht mit wichtigen Etappen dieses Prozesses beschäftigt, in dem der Protestantismus eigene Traditionen verändern, anpassen oder gänzlich fallen lassen musste. Den Auftakt bildete ein öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Dres. h.c. Wolfgang Huber, der der Forschergruppe als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates beratend zur Seite stand und steht. In dem Vortrag widmete sich Huber der „Bedeutung Dietrich Bonhoeffers für die ethischen Debatten nach 1945“. Hierbei differenzierte Huber zwischen der Bonhoeffer-Rezeption in der Bundesrepublik, in der DDR und im vereinigten Deutschland. Die bleibende Bedeutung des Werkes Bonhoeffers sah Huber in Bonhoeffers Behandlung des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, der Verantwortung für den Frieden und der öffentlichen Rolle der Kirche.

Die Forschergruppe befasste sich sodann mit der theologischen Debattenlage der fünfziger und sechziger Jahre. Wolfgang Trillhaas und Ulrich Scheuner können als exemplarisch für die fünfziger Jahre gelten. Ihre Deutung des demokratischen Rechtsstaates der frühen Bundesrepublik ist von einer eigentümlichen Ambivalenz gekennzeichnet. Während bei beiden eine offene Suchbewegung zu verzeichnen ist, macht sich auch die Last der Tradition bemerkbar. So zeigt etwa der Beitrag von Wolfgang Trillhaas, dass Christentum und Demokratie sich hier inhaltlich nicht viel zu sagen haben. Trotz des Anspruchs einer nüchternen Bewertung des modernen Staates kommt die eigentümliche Legitimation politischer Herrschaft in der Demokratie nicht in den Blick.

In den sechziger Jahren ist demgegenüber eine zunehmende theologische Aneignung der Eigentümlichkeiten eines demokratischen Systems zu beobachten. Die Forschergruppe hat sich zur Illustration mit Texten des Theologen Helmut Gollwitzer und des Strafrechtlers Rolf-Peter Calliess beschäftigt. Im Gegensatz zu den Stellungnahmen der fünfziger Jahre wird Demokratie von Callies und Gollwitzer nicht mehr als Gefahr sondern als Versprechen angesehen. Die Erfahrung des Scheiterns der Demokratie ist einem Gefühl des Aufbruchs gewichen und der Versuch, das auch theologisch produktiv zu verarbeiten, ist deutlich erkennbar. Der Ertrag dieser Bemühungen ist die Abkehr von der Idee der Äquidistanz der theologischen Ethik zu unterschiedlichen Staatsformen und die Formulierung einer normativen Vermutung für die Demokratie.

Die abschließende Sitzung galt der Denkschrift des Rates der EKD „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe“ 1985, die als vorläufiger Endpunkt der vorangegangenen Diskussion gelten kann. Hierbei zeigt sich die Fortsetzung des Gedankens, der sich in den sechziger Jahren mehr und mehr durchgesetzt hat: Das Verhältnis von Christentum und Demokratie ist nicht zufälliger Art. Die theologische Aufgabe liegt nun nicht mehr in der Legitimation des Staates, sondern im Umgang mit der Zumutung, sich als Christin und Christ in die säkulare Ordnung des demokratischen Verfassungsstaates einzustellen. Das positive Gegenüber von Christentum und Demokratie ergibt sich hier über die Zuordnung des Menschenwürdegedankens zu der theologischen Figur der Gottebenbildlichkeit.

Im Durchgang durch die protestantischen Deutungen der Demokratie hat sich gezeigt, dass der Weg zur Akzeptanz oder gar dem Bekenntnis zur Demokratie vor allem über eine Umakzentuierung des Menschenbildes bzw. über den verstärkten Bezug auf die Anthropologie lief. Hinter den Bemühungen stand die Bearbeitung des Problems, dass der moderne Staat völlig unabhängig von theologischer Legitimation existiert. Zunehmend begriffen Theologie und Kirche, dass es nur mehr darum gehen kann, wie sich die Christen zum modernen Staatswesen verhalten. Letztlich hat die Aneignung der Demokratie durch innertheologische Reflexion die Zumutung des säkularen Staates an den Protestantismus als Religion erleichtert.