Elite

Plenum in Schönwag

Der Juni-Workshop der Forschergruppe beschäftigte sich mit dem Thema „protestantische Eliten.“ Der Workshop profilierte sich durch eine politikwissenschaftliche und geschichtswissenschaftliche Perspektive auf ein schwierig zu fassendes und vielschichtiges Phänomen. Ziel des Workshops war es, ein Verständnis des Elite-Begriffs über unterschiedliche Zugänge zu klären: Dabei wurden sozialwissenschaftliche Modelle zur empirischen Fassung und Beschreibung von Eliten ebenso diskutiert wie der Eliten-Begriff als zeitgenössischer gesellschaftlicher Ordnungsentwurf thematisiert und kontextualisiert. In Bezug auf das Thema der Forschergruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland“ waren die Fragen erkenntnisleitend, inwieweit – sozialwissenschaftlich gefragt – Eliten der alten Bundesrepublik protestantisch geprägt waren und – ideengeschichtlich gefragt – inwieweit sich der Protestantismus an Elitendiskursen der frühen Bundesrepublik beteiligte und diese zu gestalten vermochte. Zudem wurde das spannungsreiche Verhältnis von normativen Elitenentwürfen und empirisch-sozialwissenschaftlichen Beschreibungen diskutiert. Die Annäherung an „Elite“ als Begriff und als soziologisches Phänomen erfolgte dabei über einen Vortrag von PD Dr. Morten Reitmayer und anhand verschiedener Textarbeiten. Ergänzend stellte Prof. Dr. Jan Hermelink Ergebnisse aus der neuesten Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD vor.

Als einen der wichtigsten Orte für den Elite-Diskurs der frühen Bundesrepublik identifizierte Morten Reitmayer in seinem Vortrag die Evangelischen Akademien, besonders die Akademien von Bad Boll und Hermannsburg/ Loccum. Der Teilnehmerkreis der hier stattfindenden Tagungen habe sich in weiten Teilen aus Unternehmern, Wissenschaftlern, Politikern und hohen Beamten rekrutiert. Die Ausstrahlungskraft des Protestantismus für die Ausprägung der Elite in der frühen Bundesrepublik Deutschland sei demnach beachtlich gewesen. Inhaltlich ließen sich die hier propagierten Elite-Entwürfe als „Wert- und Charakter-Elite“ begreifen. Für die späten 1950er Jahre diagnostizierte Reitmayer eine Verwissenschaftlichung und Funktionalisierung des Elite-Begriffs; der Protestantismus habe in diesem Zusammenhang an Prägekraft verloren. Die große Bedeutung des Protestantismus sah Reitmayer weniger in protestantischen Versuchen, die Diskussion durch eigene Modelle zu bereichern, als vielmehr in der Bereitstellung einer Infrastruktur für die Durchsetzung der Elite-Doxa. Auf diesem Gebiet sei der Protestantismus nach Reitmayer wesentlich länger (und dauerhafter) erfolgreich gewesen.

Die Grundlage der weiteren inhaltlichen Arbeit bildeten zwei Texte: Zum ersten ein Vortrag des damaligen Bundesinnenministers Gerhard Schröder mit dem Titel „Elite-Bildung und soziale Verpflichtung“, den Schröder 1955 in der evangelischen Akademie Bad Boll hielt. Als Vergleichsmoment diente die EKD-Denkschrift zum Thema Elite von 2011, um mögliche Kontinuitäten und Diskontinuitäten herauszustellen. Bei Schröder stand das grundlegende Anliegen im Vordergrund, das Spannungsverhältnis von Eliten und Demokratie, bzw. präziser: das Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit von funktional bestimmten Eliten in modernen Gesellschaften einerseits und dem Gleichheitspostulat der Demokratie andererseits, zu erörtern. Die bemerkenswerte Leistung – so der Tenor der Diskussion – war, dass Schröder die Notwendigkeit funktional bestimmter Eliten und Entscheidungsträger auch angesichts der anthropologisch begründeten Ungleichheit der Menschen anerkannte, und über den Dienst - und Diakoniegedanken im Sinne einer gesellschaftlichen Diakonie, nach dem Eliten soziale Verantwortung für den Nächsten und für das soziale Gefüge übernähmen, eine normative Komponente einführte: Funktional bestimmte Eliten in sozial und funktional differenzierten modernen Gesellschaften mit normativ-christlicher Wertbindung, so ließe sich Schröders Elitenbegriff auf den Punkt bringen. Gerade gegenüber anderen zeitgenössischen theologischen Ordnungsentwürfen stellte Schröders Elitenentwurf einen bemerkenswerten Fortschritt dar, denn diese erklärten angesichts dieses Spannungsverhältnisses von Egalität und Entscheidungskompetenzen schlicht die Unmöglichkeit der Demokratie, wie in der Diskussion herausgearbeitet werden konnte. Schröder formulierte hier letztlich einen demokratiekompatiblen Elitenentwurf.

Der EKD-Text von 2011 ging zwar von einer völlig anderen Ausgangssituation aus – dieser Text folgte der pragmatischen Zielsetzung, verloren geglaubte gesellschaftliche Eliten für die Kirchen zurückzugewinnen –, wies aber mit seiner Anerkennung funktionaler gesellschaftlicher Eliten und der Hinzufügung einer normativen Komponente im Sinne einer Verantwortungselite eine ähnliche Stoßrichtung auf wie das Referat von Gerhard Schröder. Bei solchen schwierigen, weil normativ aufgeladenen und zum Teil semantisch unscharfen Begriffen wurde in der Diskussion die konsequente Historisierung solcher Begriffe postuliert und vor der Bildung überzeitlicher, ahistorischer Kategorien gewarnt.

Als dritter Zugang diente ein empirisch gefasster Text von Prof. Dr. Ursula Hoffmann-Lange, welcher sich dezidiert mit den Bedingungen politischer Eliten auseinandersetzte. Hinterfragt wurde hier vor allem die Schlüssigkeit des beschriebenen Wandels der konfessionellen Konfliktlinie hin zu einer kirchlich-laizistischen. Auch inwieweit die von Hoffmann-Lange beschriebene katholisch-ländliche Prägung die Peripheriefrage ausreichend einschließe, wurde ausführlich besprochen. Welche Konsequenzen es generell haben könnte, den in der Politikwissenschaft Mitte der 1990er-Jahre eingeführten Begriff der „Politischen Klasse“ als Ersatz für die „politischen Elite“ weiterzuverfolgen, stand ebenso im Fokus der Diskussion. Als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Textes wurde abschließend festgehalten, dass bei allen Unklarheiten die Konfession unter anderen Prägefaktoren der sozialen Herkunft immer noch das prägendste Merkmal darstelle.